Whiplash Test Gravity Magazin


ODYSSEE INS TRAIL-WUNDERLAND

Einige Jahre war es ruhig um den deutschen Bike-Hersteller Fusion. Umso mehr freuten wir uns, als wir Anfang November die Einladung zu einem Presslaunch an der

Cote d'Azur bekamen, um die brandneuen 2014er Bikes zu testen.


Nach einer 14-stündigen Anreise nach Nizza falle ich todmüde ins Hotelbett. Zwei Flüge mit einer Mittelohr-Entzündung habe ich überlebt, da kann ich mir auch abends noch den Magen an einer 18 Euro Pizza verderben.

 

Nach vier Stunden Schönheitsschlafspringe ich voller Vorfreude aus dem Bett. Unten wartet schon Fluchtwagenfahrer Chris vor der Tür. Als wir in Mandelieu La Napoule ankommen, ist die heiße Cöte d' Azur-Sonne hinter dunkelgrauen Wolken verschwunden und es fängt endlich an zu regnen. Das ist hier eher eine Seltenheit. Im Sommer gibt es gelegentlich Waldbrände und ein offenes Feuer ist nur nach einem satten Regenschauer erlaubt. Bei einem Schauer bleibt es aber nicht. Es regnet sich ein. Alex hat uns die Bikes schon parat gemacht. Philippe, unser Guide, ist putzmunter und wir brechen zur ersten Regenrunde auf. Stefan und Philippe geben auch bergauf ordentlich Kette. Ich sitze auf dem neuen „Freak Extreme". Der Hinterbau zeigt sich
gleich von seiner besten Seite: antriebsneutral. Die Aussicht ist miserabel, aber die Abfahrt entschädigt für alles. Wahnsinn: Die nassen Steine und Wurzeln
sind irgendwie viel griffiger als zu Hause.

 

Mittags treffe ich auf Fusion-Chef und -Gründer Gabriel „Gabi" Lorenz, der mir gleich ein leckeres Baguette in die Hand drückt. Denn gutes Essen ist sehr wichtig, sagt er. Gut gestärkt trotzen wir dem anhaltenden Regen und fahren die schönsten Trails um Mandelieu. Heute haben die Restaurants geschlossen und Gabi entschließt sich kurzerhand, uns zu bekochen. Der Abend klingt nach leckerem Essen aus, bei gutem Wein und einer Philosophiestunde.

 

Am nächsten Morgen: blauer Himmel und Sonnenschein. Alles scheint wie verwandelt, selbst die Trails sind restlos trocken. Unfassbar. Der Grip ist gigantisch. Wir starten mit einem Enduro-Ausflug nach Theoule sur Mer. Aussicht auf Cannes, das Meer, Sonne, der Duft von Pinien, kurze Hose und T-Shirt. Und das alles im November, wo man sich in Deutschland nur noch in dicker Jacke vor die Tür wagt und die ersten Influenza-Wellen ihre Runden drehen. Den gesamten Mittag verbringen wir mit Shuttle-Rides in Mandelieu auf dem „Whiplash". Anlieger, Wurzeln, Steine, Felsen, Steilstücke und Sprünge. Dieser flowige Highspeed-Trail hat alles, was das Biker-Herz höher schlagen lässt. Stefan, Chris und ich bügeln noch weitere zwei Mal den Berg runter, obwohl es schon fast dunkel ist. An meinem Abreisetag, und auch für die nächsten Tage, ist nur Sonne gemeldet...

 

Bereits im Jahr 2003 hatte Fusion Bikes, ein Jahr nach ihrer Gründung, den Bike-Markt mit dem revolutionären „Float-Link"-System aufgewirbelt. Mit dem alten „Whiplash" hat Bobby Root damals sogar die Alpen überquert. Der Hype um die Marke und die legendären Bikes hielt an bis ins Jahr 2007. Dann endete der Höhenflug langsam. Unter anderem wegen vieler gebrochener Hinterbauten. Trotz der Fertigung in Deutschland. In den Jahren danach wurde es sehr ruhig um Fusion. Ende 2010 begann die Firma damit, die Produktion nach Taiwan zu verlagern. Jetzt ist Fusion wieder zurück im Rennen. Die neuen Modelle tragen die Namen alter Bekannter. Die Entwicklung bleibt in Deutschland, geschweißt wird in Taiwan. Zurück in Deutschland werden die Bikes fertig aufgebaut und lackiert. Das erfolgt auch auf Kundenwunsch.

 

Auf der Fusion-Homepage finden sich einige Vorschläge zu Rahmenkits oder Komplett-Aufbauten. Beim Alleskönner „Freak Extreme" liegt der Einstiegspreis für ein Komplettrad bei 3.499,- Euro und bei 2.299,- Euro für ein Rahmenkit mit Dämpfer. Federweg: 185 Millimeter. Das „Freak Team" ist ein reinrassiges Enduro-Bike mit 165 Millimetern im Heck bei gleichem Hinterbau-Konzept. Für die Damenwelt gibt es das „Freak Lady", speziell für eine Körper größe von 152 bis 174 Zentimetern konzipiert. Auch diese Rahmen sollen für den Bikepark robust genug sein und erhalten eine Freigabe. „Whiplash" und „Freak" sind sehr antriebs- neutrale Viergelenker mit „Float-Link". Bei den Testrädern wurden bewusst Federelemente gewählt, bei denen es keine Option zur Ruhigstellung gibt. Tatsächlich ist das bei den Hinterbauten nicht notwendig.

 

Weder beim Klettern auf dem kleinen Kettenblatt, noch im Wiegetritt beim Downhill fängt das Rad deutlich zu wippen an. Dank des steilen Sitzwinkels ist bergauf eine angenehme Position möglich. Das gilt ebenso für das „Whiplash" mit satten 200 Millimetern Federweg. „Metrie" und „Totem" machen eine gute Arbeit, der Hinterbau kann aber deutlich mehr. Das „Whiplash" ist zwar für eine Doppelbrücken-Gabel zugelassen, doch damit wird die Grätsche zum uphill-tauglichen Bike nicht leichter. Außerdem ist der „Terminator" schon geplant und soll mit 220 Millimetern Federweg ein waschechter Downhiller werden.

 

Bei der Ausstattung hat der Kunde freie Auswahl.Bei den Rahmenkits kostet die gewünschte Federhärte keinen Aufpreis mehr. Die Testräder waren stimmig aufgebaut und ließen kaum Wünsche offen. Lediglich das hohe Gesamtgewicht, das vom robusten Rahmen („Whiplash": 3640 g) herrührt, macht das Rad etwas behäbig. Dennoch kann man es mit den Kisten ordentlich stehen lassen. Die Kombination aus „poppigem" Hinterbau und flachem Lenkwinkel vermittelt ein wohliges Gefühl bei hohem
Tempo und lässt das Bike trotzdem lebendig wirken.

 

FAZIT: Fusion ist zurück! Massig Federweg, der dank ausgeklügeltem Hinterbau-System gute Klettereigenschaften besitzt und trotzdem sensibel reagiert.
Besonders leicht sind die Bikes nicht. Dafür besteht selbst für den Enduro-Rahmen eine Bikepark-Freigabe.

 

PRO:          » Hinterbausystem
                  » Geometrie
                  » Handling
                  » Ausstattungsoptionen

CONTRA: » Gewicht
                  » Preis